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Was ist die heutige Traditionelle Tibetische Medizin (TTM)

Tibetische Medizin

Die Tibetische Medizin (tib: gso-pa rig-pa, "das Wissen vom Heilen") zählt zu den ältesten Medizinsystemen der Welt. Sie ist keine Volksmedizin, sondern eine Art Schulmedizin. Diese wurde im 8. Jahrhundert aus den damals vorherrschenden Medizintraditionen Asiens und nach den Lehren Buddhas erschaffen und schriftlich festgehalten. Integriert wurden dabei die Medizintraditionen der Indischen Medizin (Ayurveda), der Chinesischen Medizin (TCM), der Persischen Medizin (Unani, als Erbin der altgriechischen Medizintradition) und der Schamanischen Medizin der Himalajaregion (Bön Tradition).
Die Tibetische Medizin wird heute nicht nur in Tibet praktiziert, sondern auch in den angrenzenden chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan, Yunnan, und in den benachbarten Ländern Bhutan, Nepal, Ladakh und Sikkim (Indien) und Russland. Über diese Länderverbindung kam die Tibetische Medizin anfangs 20. Jahrhundert nach Europa. Nach der chinesischen Besetzung von Tibet im Jahre 1950 breitete sich die Tibetische Medizin auch nach Indien und von da nach Westen hin aus.
In ihrer heutigen Form hat der grosser Lehrer Yuthok Yontan Gonpo die Tibetische Medizin seit dem 12. Jahrhundert nachhaltig geprägt. In seinen Werken werden darin rund 1600 Krankheiten und tausende von Heilmitteln beschrieben.

Die Tibetischen Medizinlehre
Die Tibetische Medizin ist nicht so sehr an der Anatomie, der Substanz, dem Somatischen, dem Mess- und Greifbaren interessiert, sondern vielmehr an Mustern, an Beziehungen, an Funktionen und deren Zusammenspiel. Der Organismus wird als ein selbstorganisiertes, offenes System verstanden, das mit seiner Umwelt in einem steten Austausch von Materie und Information steht, somit beruht sie auf einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Sie strebt das innere Gleichgewicht der Kräfte im Körper an. Den Ursachen von Krankheiten liegen nach tibetischer Medizinlehre die drei Geistesgifte Hass, Ignoranz und Gier zugrunde. Sie hängen unmittelbar mit den drei zentralen Köperenergien oder Köperprinzipien Wind (Lung), Schleim (Bedkan) und Galle (Tripa) zusammen. Diese sind nicht mit unseren gleich lautenden Begriffen vergleichbar, sondern stehen für bestimmte energetische Zustände und Formen. Galle zeigt sich in der Form von Körperwärme, Schleim in der Form von Flüssigkeit und Wind als Bewegung. In einem gesunden Körper sind die Körperprinzipien im Gleichgewicht. Die fünf Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer und Raum manifestieren sich über die drei Körperprinzipien bauen aufeinander auf, beeinflussen sich im Wechselspiel und hängen voneinander ab. Aus den verschiedenen Kombinationen dieser fünf Elemente ergeben sich unterschiedliche Geschmacksrichtungen. Die tibetischen Arzneien wirken im Körper vornehmlich über ihre Organ-Zuordnung, ihre wärmenden oder kühlenden Eigenschaften sowie über den Geschmacksempfindung. Der Geschmack ist Teil der Heilwirkung. Unterschieden werden sechs Geschmacksrichtungen (süss, sauer, salzig, bitter, scharf, herb).

Die Wirkungsmechanismen tibetischer Arzneimittel werden seit rund 40 Jahren wissenschaftlich erforscht und sind klinisch nachweisbar. Die verwendeten Heilkräuter und ihre wirksamen Bestandteile sind teils auch im Westen bekannt. Die Mischungen haben sich zum Teil als hoch wirksam erwiesen und werden daher von Forschern in verschiedenen Ländern untersucht.

Die Medikamente der Tibetischen Medizin sind immer aus einer Vielzahl an Substanzen (meist Pflanzen, Mineralien, selten tierische Bestandteile) zusammengesetzt, was die positive Wirkungen verstärkt, die Negativen ausgleichen kann. In der Schweiz sind zwei dieser Medikamente als Arzneimittel zugelassen. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden sind weitere 8 Rezepturen erhältlich.

Die Anwendung
Die naturwissenschaftliche Medizin richtet den forschenden Blick primär auf die Heilung von Symptomen, den Krankheitsverlauf, den erfassbaren Ablauf des Krankheitsprozesses. Die Tibetische Medizin hingegen richtet den Blick stärker auf die Ursachen von Krankheiten, d.h. sie berücksichtigt in hohem Masse den Menschen und seine Umwelt. Sie berücksichtigt die Tatsache, dass der Mensch in eine Umgebung eingebettet ist, die ihn beeinflusst und umgekehrt.

Diagnostik
Der Grundsatz der tibetischen Medizin ist das Ungleichgewicht der Körperenergien. Bleibt dieses Ungleichgewicht über lange Zeit bestehen, können leichte, später sogar schwere Beschwerden beim Menschen auftreten. Das Gleichgewicht der Körperenergien ist über den Puls, auf der Zunge und im Urin erkennbar. Die erste und wichtigste Therapie besteht in der Veränderung der Denk- und Lebensweise und der Ernährung, während die Anwendung von Arzneimitteln an zweiter Stelle kommt.
Die Diagnostik in der Tibetischen Medizin soll über das Ungleichgewicht der drei Körperenergien Aufschluss geben. Durch Beobachtung ermittelt der Arzt am Patienten äußere Zeichen der Störung. Dazu wird vor allem die Zungen- und Urindiagnostik verwendet. Die Erfassung der Vorgeschichte und des derzeitigen Zustandes durch Befragung zeigt auf, wie der Körper in den Zustand des Krankseins geraten ist, und was die Ursachen der Krankheit sind. Die anschliessende Tastung der Pulsqualität ist die Königsdisziplin der Tibetischen Medizin. Die Pulsdiagnose wurde von Tibetischen Ärzten bis zur höchsten Fertigkeit gesteigert. Sie können durch Tastung der Pulsqualitäten Rückschlüsse auf Störungen oder Disharmonien der drei Körperprinzipien ziehen.

Die Therapiemethoden
Vorbeugende und heilende Therapien haben zum Ziel, das innere und äussere Gleichgewicht zu wahren oder wiederherzustellen. Gesundheit wird als ein Zustand der Ausgewogenheit definiert. Die erste Heilmethode ist die richtige Ernährung. Es geht dabei um die Verordnung von Diäten und Ernährungsrichtlinien, die eine der Tages- und der Jahreszeit angepasste, massvolle Nahrungsaufnahme beinhalten. Da die Nahrungsmittel die Körperenergien durch ihre elementare Zusammensetzung direkt beeinflussen, kann man über die richtige Diätetik gezielte Vorbeugungsmedizin betreiben.

Die zweitwichtigste Heilmethode ist das richtige Verhalten, da die wichtigste Krankheitsursache aus buddhistischer Sicht in der Geisteshaltung liegt. Gier und Anhaftung, Wut und Hass, sowie die Illusion, an eine den Dingen innewohnende Wirklichkeit zu glauben, werden mit spezifischen Krankheitsmustern in Verbindung gebracht, sie führen zu einem Ungleichgewicht der Elemente und der drei Körperprinzipien.

Als dritter therapeutischer Schritt verschreibt der tibetische Arzt zusätzlich Medikamente in Form von Kräuterpillen. Die etwa zweihundert von tibetischen Ärzten bei uns verwendeten Heilmittel bestehen überwiegend aus Pflanzenbestandteilen. Nur etwa zwanzig Arzneien werden Bestandteilen tierischer Herkunft beigemischt, und in Ausnahmefällen kommen etwa zehn verschiedene mineralische Substanzen hinzu. In den Juwelenpillen sind außerdem pulverisierte Edel- und Halbedelsteine enthalten. Diese Kräuterpillen sind in der Schweiz nicht erlaubt und erhältlich.

Als weitere Massnahme wird die Ku Nye (äussere Behandlung) in Form von Schröpfen, Aderlass, Akupunktur, Massagen und Akupressur, Bäder, Räucherungen, Stocktherapie, Mantra Healing, Chakra Healing mit Klangschalen, heisse Steine, Kältetherapie, Moxibustion, Horme sowie die Vermittlung von Gebeten zur therapeutischen Massnahme (Dharma Medizin) und Lu Jong (tibetisches Heilyoga), angewendet.