Geschichte

Vor unserer Zeitrechnung

Die Anfänge der Tibetischen Medizin liegen in der vorbuddhistischen Ära der Bön-Religion. Für die Anhänger bedeutet das Wort Bön so viel wie „Wahrheit, Wirklichkeit“ und „Wahre Lehre“. Die Bön Tradition versteht Krankheit als Missklang zwischen dem Menschen und den Naturkräften (Götter und Dämonen). In dieser Tradition wird auf schamanische Weise behandelt. Es gab im tibetischen Kulturraum schon 1000 v. u. Z. eine auf dem Bön aufbauende alte schamanische Tradition und eine magisch-medizinische Arzneimittelkunde. Tibet hatte schon in dieser Zeit den Ruf, das Land der Heilkräuter zu sein. Die überragende Qualität tibetischer Heilkräuter war im antiken China bekannt und wird bereits in frühen pharmakologischen Texten erwähnt.

Nach der Überlieferung der Bön war es Shenrab Miwoche, der erstmals die Lehren des Dzogchen in dieser Welt lehrte, die "Essenz" aller höheren Lehren des Bön, die unmittelbar zur spirituellen Verwirklichung führen sollen. Ebenfalls umfasste es einzelne Heilpraktiken und die Naturheilkunde der Bön. Er soll um das Jahr 1856 v. Chr. geboren worden sein und alle damals zu findenden Traditionen des Bön in ein einheitliches religiöses System zusammengefasst haben.

700. Jahrhundert

Der Tibetische König, Song Tsen Gampo (617-650) heiratete eine nepalesische und eine chinesische Prinzessin, beide waren Buddhistinnen. Er gilt als erster Dharmakönig, denn unter ihm verbreitete sich der Buddhismus erstmals in Tibet. Er lud zudem mehrere verschiedene Ärzte zu einer mehrmonatigen Medizinkonferenz an seinem Hofe ein. Insbesondere die Grundwerke der Tibetischen Medizin, die vier medizinischen Tantras (Gyud-bzhi), gelangten aus Indien nach Tibet. Mit dem Vordringen des Buddhismus in Tibet kam es zu einer gegenseitigen Beeinflussung der Religionen, wobei aus dem Bön z. B. rituelle und schamanistische Elemente oder Bön-Gottheiten in den Buddhismus gelangten, umgekehrt der Buddhismus die Philosophie des Bön tiefgehend beeinflusste.

800. Jahrhundert

Der Tibetische König, Tri Song Detsen (728-797) hatte einen regen Austausch mit den Nachbarkulturen in China im Osten, Indien und Nepal im Süden, den Oasenstädten Zentralasiens, den Regionen der Hochebene und Persien im Westen. Mit dem Buddhismus kamen die wesentlichen Schriften aus Indien nach Tibet, darunter auch medizinische Werke.

Padmasambhava wurde um 786 von König Tri Song Detsen eingeladen, die Dämonen der alten Bön-Tradition zu bekämpfen. Ihm gelang die Verschmelzung des Buddhismus mit der vorbuddhistischen Bön-Tradition.

Yuthok Yontan Gonpo (708-833, der Ältere) war Gründer des ersten Instituts für tibetische Medizin in Tibet, Mönch des Klosters Samye und Gelehrter des tibetischen Buddhismus. Er war der Leibarzt vom König Tri Song Detsen. Als sein bedeutendstes Werk gilt das Gyüshi (tib.: rgyud bzhi; „Vier Tantras“), das als Hauptwerk der frühen tibetischen Medizin angesehen wird und eine Synthese der ihm damals bekannten medizinischen Wissenssysteme darstellt.

12. Jahrhundert

Yuthok Yontan Gonpo (1126-1202, der Jüngere) setzte das Werk seines Vorgängers fort. Auf Basis dieser und anderer medizinischer Schriften, verfasste er die heutige Version des „Gyüshi“ (4 Tatras), das Grundlagenwerk der Tibetischen Medizin. Darin sind 84‘000 Krankheiten und 2293 Heilmittelzutaten dargestellt.

17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert entwickelte sich die Traditionelle Tibetische Medizin zur klassischen Reife. Seine Heiligkeit, der V. Dalai Lama, veranlasste neben dem Bau des Potala-Palastes auch die Gründung des Chakpori-Medizin-Institutes (1695) in Lhasa. Sein Regent, Sangye Gyamtso, überarbeitete das Gyüshi und gab einen berühmten Kommentar mit dem Titel "Blauer Beryll" heraus. Ausserdem veranlasste er die Herstellung von 79 Gemälden, den so genannten Medizin-Thangkas, die den Inhalt seines Kommentares illustrieren. Das Gyüshi, der Kommentar "Blauer Beryll" und die 79 Thangkas sind bis heute die Grundlagen der Tibetischen Medizin.

19.- und 20. Jahrhundert

„Khenrap Norbu“ (1883-1962) war Mönchsarzt und war schon als Kind ein Mönch und hat im Chokpuri studiert. Er hat sehr viel wissenschaftlich gearbeitet. 1912 hat er die Leitung des med. Klosters übernommen. 1916 berief ihn der 13. Dalai Lama (1895-1933) sowohl zum Leibarzt als auch Leiter des neu gegründeten „Menzikhang“ Institut.

men =Medizin
zi =Astrologie, sie ist sehr genau
khang =Institut

Khenrap Norbu hat viele Bücher geschrieben und veröffentlicht: Er hat die Medizinbäume genau erklärt und beschrieben. Ein Buch der Essenzen ver-schiedener Techniken geschrieben. Ein Kräuterbuch, da hat er alle Pflanzen genau gezeichnet und beschrieben. Ein Buch über die Rezepte aller Kräuter. Dies wird heute noch verwendet. Weitere Bücher über Empfängnis, Geburt, Frau, Mutter, Kleinkinder und wie man mit den Kindern umgehen soll. Er hat noch weitere Bücher geschrieben. zb. über Pulsdiagnose, was er sehr genau beschrieben hat, ein Buch über Quecksilber, über Arthrose und ein Buch über ein paar tib. Medikamente zb. Agar Er hat damit ein Grosses Werk geschaffen.

1961 veranlasste der 14. Dalai Lama die Gründung des „Men Tsee Khang-Institut“ im indischen Dharamsala, Institut für Medizin und Astrologie. Sein Leibarzt Khenrap Norbu wurde dessen Leiter.

Diese Institution stand sowohl Mönchen, wie auch Laien offen. Die Ausbildung für Tibetische Ärzte war stark auf die praktische Behandlung von Patienten ausgerichtet. Die Anwendung der Tibetischen Medizin blieb nicht auf Tibet beschränkt, sondern verbreitete sich in der Mongolei, China, in buddhistischen Regionen von Russland (z.B. im sibirischen Burjatien) und in Zentralasien sowie in Nepal, Sikkim, Bhutan und Ladakh. Im russischen Zarenreich des 19. Jahrhunderts erreichte der Ruf der Wirksamkeit der Tibetischen Medizin sogar den Hof des Zaren in St. Petersburg. Dort öffneten Tibetische Ärzte, ursprünglich aus Burjatien stammend, die erste Klinik für Tibetische Medizin in Europa.

21. Jahrhundert

Leider gibt es heute nur gerade rund 2000 ausgebildete Tibetische Ärzte weltweit. Trotzdem wird die Tibetische Medizin in Asien weit über Tibet hinaus praktiziert, z.B. in Indien, Nepal, Bhutan, der Mongolei und Russland. Dort hat sich die tibetisch-burjatische Medizin neben der Schulmedizin etablieren können. Wichtigster Standort der Tibetischen Medizin ist und bleibt jedoch das Men-Tsee-Khang Institut im indischen Dharamsala.

Seit 2009 wird die "Sowa rigpa", das tibetische Wissen vom Heilen, vom indischen Staat neben der ayurvedischen Medizin offiziell anerkannt.

Europa:

Einige der Tibetischen Ärzte sind nach Europa, in die USA und nach Kanada ausgewandert. Diese Ärzte haben mit ihrem Wissen zur Verbreitung der Tibetischen Medizin im Westen beigetragen. Aus gesetzlichen Gründen dürfen sie jedoch im Westen oft nicht als "Tibetische Ärzte" praktizieren. Trotzdem geben sie ihr Wissen in Gesundheits- oder Ernährungs-beratungen zum Wohle der Patienten weiter (so z.B. beim Tibetan Medical Center in Spanien, beim New Yuthok Institute for Tibetan Medicine oder der Internationalen Akademie für Traditionelle Medizin (IATTM) beide in Italien). Die Tibetische Medizin ist im Westen noch weit von einer offiziellen Anerkennung entfernt. Nur die wissenschaftliche Erforschung und Dokumentation ihrer Wirksamkeit kann eine solche Anerkennung langfristig sichern. Die Schweiz nimmt diesbezüglich eine Vorreiterstellung ein, indem das schweizerische Heilmittelinstitut, Swissmedic, die komplementärmedizinische Kategorie "Tibetische Heilmittel" anerkennt.